Flüsterton

Draussen stürmt es durch den dunklen Winterabend. Es wird frieren. In der mittleren Baracke, der breitesten der drei, gibt es nur einen Wasserhahn in der Waschküche, aus welchem auch alle anderen Flüchtlinge des Sommertals - oder sollten wir es jetzt Wintertal nennen - ihre Eimer vollaufen lassen. Gerade heute abend, es ist schon nach acht Uhr, stehen noch viele vor dem schon seit Stunden emsig Wasser fördernden Hahn, um alle grösseren Behälter, wie Eimer, Schüsseln und Wannen, noch zu füllen, denn heute Nacht könnte die Leitung wieder zufrieren, und man möchte nicht nochmals wie schon zuvor den mühsamen Weg in die Schlucht gehen müssen, um aus dem dort rinnenden Bach zu schöpfen. Hermann als der älteste und grösste der Bröckelberger-Kinder hat für den Wasservorrat der Familie zu sorgen. So läuft er viele Male mit dem für ihn zu grossen und zu schweren Eimer die fünfundvierzig Meter zur kleinen Baracke zurück, und jedes Mal hat er das Herangeschleppte dort in zwei grosse Wannen zu giessen, die nie voll zu werden scheinen. Er ist müde. Er steht wieder in der Reihe der Wartenden. Er rechnet sich aus, dass er noch etwa sechsmal zu gehen und zu kommen habe und dass er wohl noch eine Stunde dazu benötigen werde, bevor er sich endlich auch wie seine Geschwister zur Ruhe legen könne.

 

Wahrfried und Edelgard liegen unter zwei warmen Decken auf einer einzigen Matratze am Boden ihres Schlafzimmers. Sie hören den Sturm draussen wie auch sein winselndes Durchziehen der Barackenräume, denn irgendwo gibt es immer noch Ritzen, die ihm Durchlass gewähren. Zuweilen fallen kleine, selten grössere Äste der überhängenden Bäume mit oft erschreckendem Krach auf das Dach. Wie gut, dass die beiden dicht beieinander liegen und sich manchmal umarmt halten können, wenn Angst sie überkommt. Sie hören die schleppenden Schritte ihres Bruders. Der arme Hermann. Er hat es am schlimmsten. Er bekommt die meisten Prügel. Ja, der Onkel Wolf verteilt immer gleich Ohrfeigen. Und Edelgard muss daran denken, wie sie heute von Onkel Wolf geohrfeigt und von ihrer Mami dazu noch ausgeschimpft wurde, als sie beim Abtrocknen eine Tasse zerschlug. Dabei ist es mir doch passiert, als Helga plötzlich am Handtuch zupfte. Es war doch nicht meine Schuld. „Warum müssen wir immer gleich verhauen werden“, so fragt sie ihren Lieblingsbruder. „Ich weiss es nicht“, flüstert er zurück, „vielleicht müssen sie uns bestrafen, und wir haben es verdient. Vielleicht wollen sie fehlerfreie Menschen aus u n s  machen, weil sie es für sich selbst nicht geschafft haben.’’

 

Edelgard: Glaubst du, dass unsere Mutti uns auch verhauen hätte?

 

Wahrfried: Vielleicht nur, wenn wir es wirklich verdient hätten.

 

Edelgard: Glaubst du, dass unsere Mutti jetzt als Engel bei uns ist?

 

Wahrfried: Ja, ich glaube es bestimmt. Denn sie hat ja gesagt, dass sie immer bei uns sein wird. Wir können sie aber nicht sehen.

 

Edelgard: Warum sind Engel unsichtbar?

 

Wahrfried: Onkel Dörr hat mir gesagt, dass Engel reine Seelen mit einem grossen Licht sind, die einen unsichtbaren Körper haben. Wir sehen ihn zwar nicht oder doch nur ganz selten. Aber sie selbst sehen sich untereinander, so wie wir uns sehen können. Sie arbeiten alle für Gott und den Heiland und helfen den Menschen, Gott in uns zum Erleuchten zu bringen.

 

Edelgard: Warum ist Gott in uns und nicht im Himmel?

 

Wahrfried: Onkel Dörr hat mir gesagt, dass Gott in uns wohnt. Doch müssen wir erst selbst aus eigenen Kräften sein in uns glimmendes Licht heller werden lassen, damit wir ihn erkennen können.

 

Edelgard: Das kann ich nicht verstehen.

 

Wahrfried: Onkel Dörr sagt auch, dass man das erst verstehen wird, wenn eine Seele gereift ist.

 

Edelgard: Aber hat nicht unsere liebe Mutti gesagt, dass wir sie später wiedersehen werden?

 

Wahrfried: Ja, das sagte sie.

 

Edelgard: Ich habe heute Tante Heidrun gefragt, ob sie weiss, wann wir unsere Mutti wiedersehen können. Und sie sagte: „Was redest du für einen Unsinn. Eure Mutter ist doch tot. Ihr könnt sie nicht wiedersehen.“ Warum lügen die Erwachsenen eigentlich so, besonders wenn sie uns immer sagen, wir sollen nicht lügen?

 

Wahrfried: Ich glaube, dass die Erwachsenen die Wahrheit vergessen haben oder sie nicht mehr wahrhaben wollen. Ja, unsere liebe Mutti lebt jetzt in einem anderen Land, wo wir sie später einmal wiedersehen dürfen. Und oft ist sie zu Besuch bei uns, auch wenn wir sie nicht sehen können.

 

Edelgard: Ja, wir wollen immer gut sein, damit unsere liebe Mutti sich nicht über uns ärgern muss.

 

Wahrfried: Ja, wir müssen immer gut sein und so handeln, dass sie immer stolz auf uns ist und gerne zu uns kommt.

Und als Wahrfried merkt, dass der Schwester schon die Augen zugefallen sein müssen, spricht er für beide im Flüsterton das Nachtgebet: „Lieber Gott, lass deine Engel und ganz besonders unsere liebe Mutti immer bei uns sein. Hilf uns in unserem Leid, damit wir nicht weinen müssen. Gib uns die Kraft, dass wir Dir immer folgsam bleiben. Beschütze uns auch in dieser Nacht. Amen.“

Und als Hermann sich endlich auf seine Matratze legt, schlafen seine Geschwister schon armumschlungen.